Der Deutsche Schäferhund
Der Deutsche Schäferhund (DSH) genießt weltweit, und insbesondere in Deutschland, seit über einem Jahrhundert einen Status als Inbegriff des Dienst- und Gebrauchshundes. Er überzeugt durch seine überragende Lernfähigkeit, seinen hohen Arbeitswillen, seine ausgeprägte Intelligenz und nicht zuletzt durch seinen klassischen, wolfsähnlichen Phänotyp. Ursprünglich als Hüte- und Schutzhund gezüchtet, zeichnet er sich durch seine Loyalität, seinen Mut und seine Vielseitigkeit aus. Der DSH ist ein wichtiger Begleiter in Polizei, Militär, Rettungsdienst und als Familienhund. Seine Beliebtheit beruht auf seiner Zuverlässigkeit und seiner Fähigkeit, enge Bindungen mit seinen Menschen einzugehen – er ist ein echter „Teambuilder“.
Die Vielfalt der Schäferhund-Typen
Obwohl der Rassehundstandard (VDH/FCI) heute primär zwei Varianten unterscheidet, existieren historisch und züchterisch relevante Linien, die sich in Anatomie und Temperament unterscheiden:
• Langstockhaar und Stockhaar: Der Standard unterscheidet den DSH seit 2011 offiziell nach Felllänge in die Stockhaar-Variante (kurz und dicht) und die Langstockhaar-Variante (längeres, dichteres Fell mit Unterwolle).
• Hochzuchtlinie (Showlinie): Dieser Typus dominiert die Ausstellungen. Er zeichnet sich oft durch eine stark abfallende Rückenlinie und stärker gewinkelte Hinterhand aus. Diese extremen anatomischen Merkmale stehen im direkten Zusammenhang mit den Gelenkdispositionen (HD/ED/DLSS).
• Leistungszuchtlinie (Gebrauchshundlinie): Dieser Typus wird primär auf Leistung, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit gezüchtet. Die Hunde haben in der Regel einen geraderen Rücken und eine weniger übertrieben gewinkelte Hinterhand, was die Belastbarkeit des Bewegungsapparates erhöhen soll.
• Der Altdeutsche Schäferhund: Diese Bezeichnung wird häufig für Hunde verwendet, die aus der ostdeutschen Linie stammen oder gezielt auf einen geraden Rücken und eine robuste Konstitution gezüchtet werden, wie sie vor der modernen Hochzuchtlinie üblich war. Dazu gehören auch Variationen in der Fellfarbe (z. B. Schwarz, Braun-Schwarz, Grau-Gewolkt).
Doch gerade die Beliebtheit der Rasse und die Zucht auf bestimmte (anatomische) Merkmale führen zu gesundheitlichen Herausforderungen, deren Kenntnis für eine verantwortungsvolle Haltung und Krankheitsprävention unerlässlich ist.
Rassespezifische Herausforderungen: wenn Schönheitsstandards zum Problem werden
Beim Deutschen Schäferhund stehen der Bewegungsapparat und die Stoffwechselfunktion im Zentrum der gesundheitlichen Disposition.
1. Schwächen des Bewegungsapparates
Als großer, kräftiger und schnellwüchsiger Hund neigt der DSH zu gravierenden, erblichen Krankheiten der Gelenke und der Wirbelsäule, die oft durch die gewünschte Anatomie der Hinterhand (insbesondere in der Hochzuchtlinie) verschärft werden.
• Hüftgelenksdysplasie (HD) und Ellenbogendysplasie (ED): Wie bei vielen großen Rassen sind diese Entwicklungsstörungen weit verbreitet. Sie führen zu einer inkongruenten (fehlgeformten) Lagerung von Gelenkkopf und -pfanne. Die daraus resultierende unphysiologische Reibung verursacht frühzeitigen Knorpelverschleiß (Arthrose), chronische Schmerzen und Funktionseinschränkungen.
• Cauda Equina Kompressionssyndrom (CECS)/Degenerative Lumbosakrale Stenose (DLSS): Dies ist eine rassetypische Erkrankung der Wirbelsäule im Übergang zwischen letztem Lendenwirbel und Kreuzbein. Die Degeneration führt zur Einengung des Wirbelkanals und zur Kompression der dort verlaufenden Nerven (Cauda Equina). Die Folgen sind Schmerzen, Lähmungserscheinungen der Hinterhand und Inkontinenz. Diese Disposition wird durch die lange und tiefe Rückenlinie begünstigt.
2. Myelopathie und Neurologie
Die Degenerative Myelopathie (DM) ist die wohl bekannteste neurologische Erkrankung der Rasse. Es handelt sich um eine chronisch fortschreitende Degeneration des Rückenmarks (meist in der Brust- und Lendenwirbelsäule). Sie ist genetisch bedingt (SOD1-Gen) und führt schleichend zu Ataxie (Koordinationsstörungen), Lähmungen der Hinterhand und schließlich zur vollständigen Immobilität, ohne dass der Hund Schmerzen empfindet.
3. Stoffwechsel und Verdauung
Der Deutsche Schäferhund zeigt eine Prädisposition für Störungen im endokrinen und exokrinen Pankreas, was die Nährstoffverwertung direkt beeinträchtigt.
• Exokrine Pankreasinsuffizienz (EPI): Dies ist eine der häufigsten Erkrankungen des DSH. Die Bauchspeicheldrüse produziert unzureichende Mengen an Verdauungsenzymen (Lipasen, Proteasen, Amylasen). Ohne diese Enzyme kann der Hund Fette, Proteine und Kohlenhydrate nicht richtig aufspalten und absorbieren. Die Folge sind chronische Durchfälle, Gewichtsverlust trotz Fresslust und eine schwere Mangelversorgung. Die Erkrankung hat oft eine erbliche Komponente.
• Neigung zu Gastritis und Kolitis: Die Rasse reagiert generell empfindlich auf Stress und Futterwechsel,
was schnell zu entzündlichen Magen-Darm-Erkrankungen führen kann.
4. Immunsystem und Haut
• Perianale Fisteln: Hierbei handelt es sich um eine chronische, schmerzhafte, immunvermittelte Entzündung der Analdrüsen und des Gewebes um den Anus. Sie wird als Autoimmunerkrankung oder immunologische Fehlreaktion angesehen und ist fast ausschließlich beim DSH zu beobachten.
• Allergische Dermatitis: Wie andere beliebte Rassen neigt auch der DSH zu Umwelt- und Nahrungsmittelallergien, die sich in chronischem Juckreiz, Hautentzündungen und rezidivierenden Ohrenentzündungen (Otitis Externa) manifestieren.
Die psychische Herausforderung: wenn der Kopf möchte aber der Körper nicht kann
Der Deutsche Schäferhund ist als hochleistungsfähiger Gebrauchshund gezüchtet und psychisch darauf programmiert, eine Aufgabe zu erfüllen, zu interagieren und intensiv ausgelastet zu werden. Sein innerer Antrieb und seine hohe Lernmotivation („Will to Please“) sind extrem ausgeprägt. Die rassetypischen körperlichen Einschränkungen – insbesondere die chronisch schmerzhaften Gelenkerkrankungen oder die schleichende Lähmung bei der Degenerativen Myelopathie –können zu einem massiven Diskrepanzerlebnis zwischen geistiger Bereitschaft und physischer Fähigkeit führen.
Psychische und verhaltensbezogene Konsequenzen
Dieser Konflikt zwischen „Möglichkeit“ und „Unvermögen“ kann verschiedene psychische und verhaltensbezogene Probleme auslösen:
1. Frustration und Übersprungshandlungen
Wenn der Hund eine ihm vertraute Aufgabe (z. B. Apportieren, Schutztätigkeit, Agility) nicht mehr ausführen kann, staut sich die innere Energie und Motivation an. Folge: Die chronische Frustration entlädt sich oft in Übersprungshandlungen. Dazu gehören vermehrtes Bellen, stereotypische Verhaltensweisen (z. B. im Kreis drehen oder Schwanzjagen) oder übermäßige Reaktivität auf Umweltreize, die zuvor ignoriert wurden.
2. Kontrollverlust und Angst (Neurotische Tendenzen)
Der Schäferhund ist ein Hund, der gerne die Kontrolle über seine Umwelt und den eigenen Körper behält. Eine schleichende Krankheit wie die DM führt zum Verlust dieser Kontrolle. Folge: Unsicherheit kann sich in Angstzuständen manifestieren, die sich auf neue oder ungewohnte Situationen ausweiten. Manche Hunde entwickeln neurotische Tendenzen, werden schreckhaft oder zeigen aggressives Abwehrverhalten, da sie sich aufgrund der körperlichen Schwäche bedroht fühlen.
3. Depressive und Apathische
Zustände
Langanhaltende, chronische Schmerzen (bei HD/Arthrose) und die Unfähigkeit zur aktiven Teilnahme am
Leben des Menschen können zu Rückzug führen. Folge: Der Hund wird apathisch, zeigt eine verminderte
Spielfreude und verliert den typischen Arbeitswillen. Er passt sich zwar an die Schmerzen an, leidet aber
unter dem Verlust seiner Lebensqualität. In Extremfällen kann dies depressive Zustände annehmen, bei
denen der Hund die Interaktion mit dem Menschen vermeidet.
Therapieimpuls: Mentale Auslastung als Prophylaxe
Gerade bei körperlich eingeschränkten DSH ist es entscheidend, die geistige Auslastung beizubehalten, während die physische Belastung reduziert wird. Training und Interaktion müssen auf Low-Impact-Aktivitäten umgestellt werden, die zwar den Kopf fordern, den Körper jedoch nicht übermäßig beanspruchen:
• intensives Geruchstraining (Nasenarbeit)
• Intelligenzspiele
•Gehorsamsübungen, die im Stehen oder Sitzen ausgeführt werden (Clickertraining)
Wissenschaftliche Quellen und Studien zum Deutschen Schäferhund
I. Neurologie: Degenerative Myelopathie (DM)
Die Degenerative Myelopathie ist eine der genetisch am besten untersuchten Erkrankungen des Deutschen Schäferhundes. Sie wird mit einer spezifischen Gen-Mutation in Verbindung gebracht.
Awano et al. (2009); "
Genome-wide association analysis reveals a SOD1 mutation in
canine degenerative myelopathy that resembles amyotrophic
lateral sclerosis."
Identifikation der ursächlichen SOD1-Mutation (Superoxid-Dismutase 1) im Zusammenhang mit DM.
Diese Arbeit etablierte den DSH als Tiermodell für die humane Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und lieferte die Grundlage für den heute gängigen Gentest. Die Studie zeigt die genetische Prädisposition und die degenerative Pathologie des Rücken.
Zeng et al. (2014); "
The frequency of SOD1 mutation in canine degenerative myelopathy in the U.S. and worldwide."
Große epidemiologische Studie zur Häufigkeit der SOD1-Mutation weltweit.
Bestätigt die hohe Prävalenz der SOD1:c.118G>A-Mutation beim Deutschen Schäferhund und unterstreicht damit die Rassedisposition.
II. Stoffwechsel und Verdauung: Exokrine Pankreasinsuffizienz (EPI) Die Exokrine Pankreasinsuffizienz beim Hund ist eng mit der Rasse assoziiert und wird als primär genetisch bedingte Atrophie der Bauchspeicheldrüsenzellen betrachtet.
Westermarck &
Wiberg (2003); "Exocrine Pancreatic Insufficiency in the Dog: Historical Background, Diagnosis, and Treatment."
Übersichtsarbeit zur EPI, Ätiologie (Ursache) und Diagnostik
Beschreibt die Pankreas-Azinuszellatrophie als häufigste
Ursache der EPI beim Hund und identifiziert den Deutschen
Schäferhund als die am stärksten prädisponierte Rasse (mit
einer Prävalenz von etwa 1 % in der Rasse).
IDEXX (IDEXX Laboratories); "Pankreatitis und exokrine Pankreasinsuffizienz beim Hund. Veterinärmedizinischer Leitfaden zur Diagnostik und Pathogenese."
Bestätigt die Prädisposition des DSH für einen autosomal-rezessiven Erbgang der EPI und belegt die typischen Folgen der Malabsorption (Gewichtsverlust, Steatorrhoe).
III. Bewegungsapparat und Immunsystem: Diese beiden Bereiche umfassen die häufigsten orthopädischen Probleme sowie die rassetypische Autoimmunerkrankung der Perianalregion.
Kirchhoff (2003)/ Janutta (2005);" Studien zur Hüftgelenksdysplasie (HD) beim DSH."
Untersuchungen zur Heritabilität (Vererbbarkeit) und den genomischen Zuchtwerten der HD. Sie belegen den polygenen Erbgang der HD beim DSH und liefern züchterische Daten zur hohen Prävalenz und dem Einfluss verschiedener Genomabschnitte auf die Ausprägung der Erkrankung.
Harkin et al. (2002)/ VCA Veterinary Hospitals; " Canine Perianal Fistulas: Clinical Presentation, Pathogenesis, and Management." Klinische Studien und Übersicht zur Perianalen Fistel (Anal Furunkulose).
Bestätigen, dass der Deutsche Schäferhund über 80 % der betroffenen Hunde ausmacht und die Erkrankung als immunvermittelt und chronisch-entzündlich eingestuft wird (vergleichbar mit Morbus Crohn beim Menschen).
Autorin
Birgit Vorndran
Tierheilpraktikerin und Dozentin
Schwerpunkte:
- Ernährungsberatung Hund / Katze
- Kräuterheilkunde
- Mykotherapie
- klassische Homöopathie
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Der deutsche Schäferhund: loyales Familienmitglied und leistungsstarker Gebrauchshund