Darmgesundheit und Gelenke beim Hund – beeinflusst das Mikrobiom die Beweglichkeit?
Das Darmmikrobiom des Hundes steht in engem Zusammenhang mit der Regulation des Immunsystems¹. Da chronische Entzündungs-prozesse an degenerativen Gelenkveränderungen beteiligt sein können², rückt zunehmend die Frage in den Fokus, ob zwischen Darmgesundheit und Beweglichkeit eine systemische Verbindung besteht³.
Wenn Hunde sich langsamer bewegen, ungern springen oder nach dem Aufstehen steif wirken, richtet sich der Blick meist direkt auf die Gelenke. Doch der Organismus wirkt als vernetztes System. Immunologische Prozesse, die im Darm beginnen, können sich auch auf andere Gewebe auswirken⁴. Darunter fallen möglicherweise, gemäß aktueller Forschungen, auch Knorpel und Gelenkstrukturen.
Die sogenannte „Darm–Gelenk-Achse“ beschreibt die mögliche Wechselwirkung zwischen Mikrobiom, Immunregulation und entzündlichen Botenstoffen³. Ein eindeutiger Kausalnachweis speziell beim Hund sind noch Gegenstand der Forschung. Die Hinweise auf funktionelle Zusammenhänge nehmen jedoch zu³.
Der Darm des Hundes: Mehr als ein Verdauungsorgan?
Schätzungen zufolge befinden sich etwa 70–80 % der Immunzellen im darmassoziierten lymphatischen Gewebe (GALT)⁴. Vereinfacht gesagt: Ein Großteil der körpereigenen Abwehr sitzt direkt im Darm und überwacht dort täglich, was harmlos ist und was nicht. Der Darm ist damit nicht nur ein Verdauungsorgan, sondern eine zentrale Schaltstelle der Immunabwehr. Täglich trifft das Immunsystem im Darm komplexe Entscheidungen:
- Welche Nahrungsbestandteile sind harmlos?
- Welche Mikroorganismen gehören zur normalen Darmflora?
- Wann muss eine Abwehrreaktion eingeleitet werden?
Dieses fein abgestimmte Gleichgewicht wird als Immunhomöostase bezeichnet⁴. G Gerät es aus der Balance, können entzündliche Prozesse entstehen, die nicht zwingend lokal begrenzt bleiben⁵.
Gerade im Zusammenhang mit chronischen und niedriggradigen Entzündungen wird die Rolle des Darms intensiv erforscht⁵.
Das Mikrobiom des Hundes: Regulatorische Funktionen
Das Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit der im Darm lebenden Mikroorganismen im Darm des Hundes. Diese Gemeinschaft aus Bakterien, Pilzen und anderen Mikroben übernimmt wichtige Aufgaben für Verdauung, Barrierefunktion und Immunregulation¹⁶.
Zu den wichtigsten Funktionen gehören:
- Unterstützung der Nährstoffverwertung
- Produktion kurzkettiger Fettsäuren (z. B. Butyrat**)
- Stabilisierung der Darmbarriere
- Modulation von Immunreaktionen¹
Butyrat dient den Zellen der Darmschleimhaut als Energiequelle und unterstützt die Integrität der Schleimhaut⁵. Eine stabile Darmbarriere hilft dabei, entzündungsfördernde Stoffe daran zu hindern, in den Körper zu gelangen⁵.
Studien an Hunden zeigen, dass selbst moderate Veränderungen der mikrobiellen Zusammensetzung immunologische Effekte haben können¹⁶. Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen wurden wiederholt Veränderungen im Mikrobiom beobachtet⁶.
Dysbiose: Wenn das mikrobielle Gleichgewicht kippt
Von einer Dysbiose spricht man bei einer veränderten Zusammensetzung des Darmmikrobioms¹, d.h. die Zusammensetzung des Darmmikrobioms gerät aus dem Gleichgewicht. Dabei können schützende Bakterienstämme reduziert sein, während andere Mikroorganismen vermehrt auftreten¹.
Mögliche Einflussfaktoren sind:
- Antibiotikatherapien
- chronischer Stress
- einseitige oder stark verarbeitete Fütterung
- Infektionen
- langfristige körperliche Belastungen
Wichtig ist: Eine Dysbiose zeigt sich nicht immer durch offensichtliche Verdauungsprobleme. Sie kann auch subklinisch verlaufen und dennoch Auswirkungen auf die Immunregulation haben.
Aus der Humanmedizin weiß man, dass bestimmte Bestandteile von Bakterien, sogenannte Lipopolysaccharide (LPS) können Entzündungsreaktionen im Körper auslösen⁷. Gelangen solche Stoffe vermehrt in den Blutkreislauf, können sie stille, dauerhaft leicht erhöhte Entzündungsprozesse begünstigen⁷.
Die Darm–Gelenk-Achse beim Hund
Die sogenannte „Gut–Joint Axis“ beschreibt die funktionelle Verbindung zwischen:
Mikrobiom ↔ Immunregulation ↔ Entzündungsmediatoren ↔ Knorpelstoffwechsel³
Chronisch niedriggradige Entzündungen gelten als relevanter Faktor bei degenerativen Gelenkveränderungen². Entzündungsmediatoren wie TNF-α, IL-1β und IL-6 können Prozesse fördern, die den Abbau von Knorpelgewebe begünstigen. Das bedeutet vereinfacht gesagt: Sie begünstigen Abbauvorgänge im Knorpelgewebe und können so dessen Stabilität und Belastbarkeit langfristig beeinträchtigen.
Forschungsarbeiten zeigen, dass Veränderungen im Mikrobiom mit entzündlichen Gelenkerkrankungen assoziiert sein können ³⁸. Für den Hund ist die Datenlage noch begrenzt, doch die Hinweise auf systemische Wechselwirkungen nehmen zu.
Wichtig ist die Differenzierung: Eine veränderte Darmflora führt nicht automatisch zu Gelenkerkrankungen. Sie kann jedoch ein regulativer Faktor im komplexen Entzündungsgeschehen sein³.
Wann kann der Darm bei Gelenkproblemen mitgedacht werden?
Nicht jedes Bewegungsproblem hat seinen Ursprung im Darm. Dennoch kann es sinnvoll sein, die Darmgesundheit in die Gesamtbetrachtung einzubeziehen, wenn Hunde:
- chronische oder wiederkehrende Entzündungen zeigen
- sich nach Belastung nur langsam regenerieren
- nach Antibiotikagaben sensibel reagieren
- gleichzeitig Verdauungsschwankungen aufweisen
Ein stabiles Darmmilieu unterstützt die Regulation des Immunsystems¹⁵. Eine ausgeglichene Immunsystem kann helfen, überschießende Entzündungsreaktionen zu vermeiden - ein Faktor, der bei degenerativen Prozessen relevant sein kann.
Faktoren, die das Mikrobiom unterstützen können
Mehrere Einflüsse gelten als förderlich für eine stabile Darmflora:
- eine ausgewogene und nährstoffreiche Ernährung¹⁰
- ausreichend fermentierbare Ballaststoffe, die als Substrat für nützliche Darmbakterien dienen¹¹
- möglichst geringe chronische Stressbelastung⁹
- ein bewusster und gezielter Einsatz von Antibiotika¹²
- bei Bedarf Maßnahmen zur Unterstützung der Darmbarriere¹³
Gerade bei Hunden mit bestehenden oder wiederkehrenden Gelenkproblemen kann es sinnvoll sein, diese Aspekte im Blick zu behalten. Sie ersetzen keine tierärztliche Behandlung, können jedoch im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes ergänzend berücksichtigt werden.
Fazit: Darm und Gelenke sind funktionell verknüpft
Das Darmmikrobiom übernimmt eine zentrale Rolle in der Regulation des Immunsystems. Da entzündliche Prozesse an der Entstehung und dem Fortschreiten degenerativer Gelenkveränderungen beteiligt sein können, wird die mögliche Verbindung zwischen Darmgesundheit und Gelenkfunktion zunehmend wissenschaftlich untersucht.
Auch wenn noch nicht alle Mechanismen vollständig verstanden sind, deutet vieles darauf hin, dass der Körper als vernetztes System funktioniert. Prozesse im Darm können direkt oder indirekt Auswirkungen auf andere Teile des Körpers haben.
Für die Praxis bedeutet das: Neben klassischen Faktoren wie Bewegung, Gewichtskontrolle und tierärztlicher Betreuung kann es sinnvoll sein, auch die Darmgesundheit mitzudenken.
Denn Bewegungsfreude entsteht nicht isoliert im Gelenk, sondern im Zusammenspiel vieler biologischer Prozesse.
**Butyrat entsteht im Dickdarm, wenn Darmbakterien bestimmte Ballaststoffe fermentieren. Es ist also kein Stoff, den der Hund direkt über das Futter aufnimmt, sondern ein Stoffwechselprodukt „guter“ Darmbakterien.
Literaturverzeichnis
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² Favazzo LJ, Hendesi H, Villani DA, et al.; The gut microbiome–joint connection: implications in osteoarthritis. Current Opinion in Rheumatology. 2020;32(1):92–101. doi:10.1097/BOR.0000000000000668
³ Scher JU, Abramson SB.; The microbiome and rheumatoid arthritis.
Nature Reviews Rheumatology. 2016;12:546–556.; doi:10.1038/nrrheum.2016.85
⁴ Mowat AM, Agace WW.;Regional specialization within the intestinal immune system. Nature Reviews Immunology. 2014;14(10):667–685.;
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⁵ Belkaid Y, Hand TW.; Role of the microbiota in immunity and inflammation.; Cell. 2014;157(1):121–141. ;doi:10.1016/j.cell.2014.03.011
⁶ Guard BC, Barr JW, Reddivari L, et al.
Characterization of microbial dysbiosis and metabolomic changes in dogs with acute diarrhea.; PLoS ONE. 2015;10(5):e0127259.; doi:10.1371/journal.pone.0127259
⁷ Cani PD, Amar J, Iglesias MA, et al.; Metabolic endotoxemia initiates obesity and insulin resistance.; Diabetes. 2007;56(7):1761–1772.; doi:10.2337/db06-1491
⁸ Scher JU, Sczesnak A, Longman RS, et al.; Expansion of intestinal Prevotella copri correlates with enhanced susceptibility to arthritis. eLife. 2013;2:e01202.;doi:10.7554/eLife.01202
⁹ Moloney RD, Desbonnet L, Clarke G, et al.; Stress and the microbiota–gut–brain axis in visceral pain.; Brain, Behavior, and Immunity. 2016;58:1–11.; doi:10.1016/j.bbi.2016.06.023
¹⁰ Sandri M, Dal Monego S, Conte G, et al.; Raw meat based diet influences faecal microbiome and end products of fermentation in healthy dogs.; BMC Veterinary Research. 2017;13:65.;doi:10.1186/s12917-017-0981-z
¹¹ Ríos-Covián D, Ruas-Madiedo P, Margolles A, et al.;Intestinal short chain fatty acids and their link with diet and human health.; Frontiers in Microbiology. 2016;7:185. ;doi:10.3389/fmicb.2016.00185
¹² Suchodolski JS.; Intestinal microbiota of dogs and cats: a bigger world than we thought.; Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice. 2011;41(2):261–272.; doi:10.1016/j.cvsm.2010.12.006
Autorin
Katrin Schweinsberg
Online Marketing & Fachredaktion Provicell
Katrin Schweinsberg beschäftigt sich im Rahmen der Fachredaktion von Provicell mit aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen rund um Darmgesundheit und Immunregulation beim Hund. Grundlage des Beitrags sind veröffentlichte Fachstudien und veterinärmedizinische Literatur.
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